Die Wahrscheinlichkeit des Lächelns (Auszug)
Auszug aus meinem neuen Buch: „Die Wahrscheinlichkeit des Lächelns" – Drei Jahre in Kambodscha, Erscheinungsjahr 2015
Das Grab
Es riecht nach Erde und Staub. Der
kleine Weg durch kniehohes, trockenes Gras. Mückenschwärme. Blutsauger.
Nur nicht stehen bleiben. Dort, da liegt es. Pol Pots Grab. Schweigend
sinkt die Dämmerung über den Totenacker.
Weit hinter mir meine
Freunde, aufgehalten von bettelnden Kindern aus dem Slum, vor dem wir
verstohlen unser Auto parkten. Kinder in zerlumpten T-Shirts und Hosen,
keine zehn Jahre alt. Sie stürmen auf uns zu, als wir durch den Staub
vor ihren erbärmlichen Buden waten, über Plastiktüten und Dreck hinweg.
Wir verteilen kleine Geschenke, Kaugummis, Bonbons und Kleingeld, bis
eine Freundin in einen Streit mit uns darüber gerät, ob wir den Kindern
besser nichts geben sollten, um sie nicht zu einer weiteren Generation
von bettelnden Kambodschanern zu erziehen. Mühsam reiße ich mich los,
die Kinder halten mich mit ihrem bittenden Lächeln fest.
Saloth
Sar alias Pol Pot. Geboren im Mai 1928 in der Provinz Kompong Thom. Ein
Bauernsohn. Einer von Millionen. Seine Eltern geben den Jungen sechs
Jahre in ein buddhistisches Kloster, um ihn von Mönchen erziehen zu
lassen. Der junge Novize trägt eine orangefarbene Robe, lernt Schreiben,
Rechnen und die heiligen Texte in Pali und Sanskrit, steht um fünf Uhr
auf, meditiert mit den anderen Mönchen im Morgengrauen und verbeugt sich
danach drei Mal vor der Statur des lächelnden Buddhas.
Eigentlich,
so steigt ein Gedanke in mir auf, hätte Pol Pots Leben auch ganz anders
verlaufen können. Friedlich, unauffällig. Welche Erlebnisse, welche
Schicksalsschläge aber lassen aus dem jungen Mann einen paranoiden
Fanatiker werden? Welche inneren und äußeren Mächte zwingen ihn, das
weltabgewandte Asyl der orangefarbenen Gemeinschaft aufzugeben, um Jahre
später die Erde seines Heimatlandes in ein blutiges Rot zu tauchen?
Erde, in die auch das Blut vieler, von den Roten Khmer ermordeten Mönche
sickern wird.
Als junger Mann studierte Pol Pot Radioelektronik in
Paris, der Zweite Weltkrieg war gerade zu Ende gegangen. Doch kaum war
der Rauch der Brände über Europa verzogen, spaltete sich die Welt erneut
in feindliche Lager. USA, Sowjetunion und China, jene dritte Macht, die
dem Kambodschaner Zeit seines Lebens Treue halten sollte. Der kalte
Krieg nach dem großen Krieg zerriss Generationen, vor allem die Jugend.
Pol
Pot schließt sich linken Studentenzirkeln an. In Kaffeehäusern träumen
sie von Utopien und schmieden Pläne, Ungleichheit und Ausbeutung ein für
allemal zu überwinden. Auch wenn Pol Pot mit seinem Studium scheitert,
seine politischen Visionen setzt er später mit einer beispiellosen
Grausamkeit um. Pol Pot geht über Leichen.
Jetzt kriechen graue
Flechten über den kleinen hölzernen Opfertisch, den irgendjemand vor
sein Grab gestellt haben muss. Will jemand seine Seele besänftigen? Mit
Opfergaben verhindern, dass Pol Pot noch einmal als Fluch, als böser
Geist zu den Menschen zurückkehrt?
Vorsichtig knie ich mich hin, die
Stimmen der nahenden Freunde im Ohr. Schwarze Fliegen kriechen über
einen leeren Plastikteller, dessen Ornamente - filigrane türkisgrüne
Weinblätter - in einem braun-dreckigen Rand versinken, Reste einer Suppe
oder Spuren von abgestandenem Regenwasser...
Wieder in seine Heimat
zurückgekehrt, lehrt Pol Pot noch bis 1963 an einer Privatschule in
Phnom Penh, bevor er dem Zugriff der Schergen des roten Prinzen, König
Norodom Sihanouk, mit knapper Not entgeht und wie viele andere
Mitglieder der Kommunistischen Partei Kambodschas in den Untergrund
abtaucht. Untergrund in Kambodscha, das heißt Leben und Überleben im
Dschungel.
Pol Pot, der bereits 1946 der kommunistischen Partei
beigetreten ist, wurde von 1963 bis 1975 ihr Parteisekretär. Erst im
September 1977, zweieinhalb Jahre nach der Machtübernahme und sieben
Jahre nach dem Sturz von Norodom Sihanouk, gibt Pol Pot während einer
Rede zu, dass sich die „Kommunistische Partei Kampuchea" hinter der
geheimnisvollen Chiffre „Angkar padevat" oder kurz „Angkar" verbirgt. Zu
diesem Zeitpunkt hat er als Bruder Nr. 1 mit seiner „revolutionäre
Organisation" bereits einen der größten Genozide in der Geschichte der
Menschheit eingeleitet.
„Vernichtet die, die anders sind!" Die
Reichen, die Städter, die Gebildeten, die buddhistischen Mönche, die
Ausländer, Vietnamesen, muslemische Cham, selbst vor den im Land
lebenden Chinesen machen die Roten Khmer nicht halt. Trotzdem
unterstützt China den Tyrannen bis zum Schluss mit Experten und Waffen
und liefert auch das mentale Programm für den kambodschanischen Genozid,
die „Kulturrevolution", die Mao Zedong 1966 in Peking ausrief.
Im
Namen der „revolutionäre Massen", im Namen des „Klassenkampf" kämpfen
Chinesen gegen Chinesen, und knapp zehn Jahre später Kambodschaner gegen
Kambodschaner. Auch die hysterischen „Kampagnen zur Säuberung der
Gesellschaft von Klassenfeinden" und die erzwungene „Umerziehung" in
eigens dafür eingerichteten Lagern kennzeichnen von nun an den Alltag
und machen diesen für viele Landsleute zu einer lebendigen Hölle.
Als
im April 1975 das mit Flüchtigen überfüllte Phnom Penh den Roten Khmer
in die Arme fällt, jubeln die Hauptstädter den in schwarzen Uniformen
einmarschierenden Kampfbrigaden zu. Ahnungslos gegenüber dem, was sie
erwartet. Erschöpft von der uferlosen Korruption der Regierung Lon Nol
und geschwächt von den Bombardements des Krieges, erfüllt sie nur eins,
und das ist die Hoffnung auf Frieden.
Einen Tag später schon werden
sie von den Roten Khmer aufgefordert, die Stadt innerhalb von 24 Stunden
zu verlassen. Unter dem fadenscheinigen Vorwand möglicher
US-amerikanischer Angriffe werden knapp drei Millionen Hauptstädter und
Flüchtlinge aus der Stadt vertrieben.
Der Jubel versiegt, das Lachen
stirbt. Fassungslos werden die Städter Zeugen erster öffentlicher
Hinrichtungen. Es ist eine Fülle von grausamen Szenen überliefert und in
zahlreichen Autobiografien dokumentiert. Bücher wie der „Der Deich der
Witwen" oder „Der weite Weg der Hoffnung" beschreiben den historisch
einmaligen Exodus der kambodschanischen Stadtbevölkerung hinaus aufs
Land. Nicht nur die Hauptstadt Phnom Penh, sondern alle Städte wie
Battambang, Siem Reap, Sihanoukville, Kampong Thom oder Kratie werden
schonungslos geräumt und verwandeln sich innerhalb weniger Tage in
Geisterstädte, auf deren Plätzen in den nächsten vier Jahren
Zuckerpalmen gepflanzt und andere Nutzpflanzen angebaut werden.
Pol
Pots „Agrarrevolution" sieht nichts anderes vor, als Kambodscha wieder
in ein Land von Reisbauern zu verwandeln, die er zu dem „alten Volk"
zählt. Das kambodschanische Großreich der Angkor-Periode mag ihm in
seinen hybriden Träumen Pate gestanden haben für gigantische
Bewässerungsanlagen, Deiche und Dämme, an denen sich Städter,
Intellektuelle, Ärzte, Lehrer, Ingenieure, Mönche, Menschen, die eine
Brille tragen, die Fremdsprachen beherrschen und Fragende, kritische
Zeitgenossen buchstäblich zu Tode schuften. Über Nacht werden sie zu
Klassenfeinden erklärt, politisch gebrandmarkt als „neues Volk", als die
vom städtischen Leben, der Moderne, dem Westen Verdorbenen. Sie werden
überflüssig.
Dass ihr Leben nicht den Wert eines einzigen Reiskorns
habe, trichtert man ihnen in wöchentlichen Schulungen ein, die von den
Kadern der Roten Khmer vor allem mit dem Ziel abgehalten werden, den
letzten Willen der Zwangsarbeiter zu brechen und die Erinnerungen an das
alte Leben vollends auszulöschen. Umerziehung!
Tatsächlich
nehmen die Ernährungsrationen dramatisch ab. Nicht aber die
Schwerstarbeiten. Hundertausende hungern und verhungern. Nicht den Wert
eines Reiskorns... In den Suppenschüsseln ist schon lange kein Reis mehr
zu finden, sondern Reiskleie in brakigem, schleimigem Wasser.
Verzweifelt suchen Menschen im Dschungel nach Essbarem, fangen Kröten,
Würmer, Maden, Spinnen, stehlen heimlich Reis. Dabei erwischt, werden
sie gezwungen, sich öffentlich zu entschuldigen und wenn nicht mit dem
Tode, mit zusätzlicher Schwerstarbeit bestraft. Der Hunger ist
grenzenlos. Er frisst wie die Propaganda Gefühle, Erinnerungen,
Gedanken, die Körper zuletzt. Der Hunger frisst schließlich die Seele
auf!
Die Roten Khmer zerstören die Familien, denen gesagt wird, dass
jetzt die Angkar, die revolutionäre Organisation die Familie ersetzt.
Sie verheiraten Paare zwangsweise, manchmal hunderte an einem Tag.
Trennen „arbeitsfähige" Kinder von ihren Eltern und holen in der Nacht
oder im Morgengrauen immer mehr Männer ab.
„Ist es hier?" fragt
Thonevath, der einzige Kambodschaner unter uns. Ich nicke nachdenklich.
„Es gibt sogar eine Kaffeetasse!" murmele ich und überlege für eine
Sekunde, ob ich den dunkelblauen Plastikpott hochhebe, der wie der
Teller zum Opfergeschirr gehört, das auf dem kleinen Tisch mit seinen
abgehackten Beinen steht. Jetzt sind wir wieder zusammen. Schweigend
stehen wir vor Pol Pots Grab. Eine Karawane der Verstummten, müde vom
langen Tag und erschöpft von den Eindrücken in diesem nördlichen
Grenzgebiet Kambodschas, das noch bis in den späten 90er Jahren
weitgehend vermint war und dessen Bewohner weiterhin in beunruhigender
Weise der jüngeren Vergangenheit anhaften. Hierhin nämlich ziehen sich
die von den Vietnamesen besiegten Roten Khmer 1979 zurück und gehen ein
weiteres Mal in den Dschungel, dicht an der Grenze zu Thailand.
In
dieser unwegsamen Region schmieden sie Pläne, wie Pol Pots Rote Khmer
wieder an Einfluss gewinnen könnten. Besiegt, doch noch immer besessen.
Beherrscht von ihrer blutrünstigen, agrarkommunistischen Utopie, die
schon längst in eine Eschatologie umgeschlagen ist. Als will er die
Geschichte des kambodschanischen Traumas freischaufeln, legt der
jährlich wiederkehrende Monsun die Skelette der Ermordeten frei, die
mahnend auf den Reisfeldern noch in den frühen 80ern unter der
unbarmherzigen Sonne bleichen. Mehr als zwei Millionen Tote,
Verhungerte, an Erschöpfung Gestorbene, von einer Spitzhacke
Erschlagene, Ertränkte, Gefolterte, Verschollene - ein Viertel der
Bevölkerung.
„Ist er nun selbst auch ermordet worden oder eines
natürlichen Todes gestorben?" fragt Tina, die wie so oft als Erste aus
einem bedrückenden Schweigen bricht. „Er wurde umgebracht. Mit Gift",
sagt jemand. „Hatte er nicht Krebs?" „Er war müde." „Er war alt", raunen
die anderen. Auf Autoreifen verbrannt. Schwarze Rauchwolken. Geruch von
brennendem Gummi, Fleisch, es ist der Gestank von verdammten Leben.
Pol Pot hatte den letzten Kampf schon ein Jahr vor seinem Tod verloren.
Im
Juni 1997 wurde der „Bruder Nr.1" unter der Führung von Ta Mok aus
seiner Führungsrolle verdrängt. Ta Mok, wegen seiner Brutalität als
„Schlächter" bezeichnet, hatte den USA Pol Pots Auslieferung angeboten,
nachdem dieser im Juli 1997 durch ein Rote-Khmer-Volkstribunal als
Verräter zu lebenslanger Haft verurteilt wird. So trifft Pol Pot im
Alter von 69 Jahren, geschwächt von körperlichen Krankheiten und
eingeholt vom System der blinden Verdächtigungen, dessen Meister er
selbst über Jahre hinweg war, auf seinen Verräter.
Am 15. April 1998,
dem heißesten Monat des Jahres, der Zeit des Stöhnens über eine Hitze,
die unmenschlich über den trockenen Feldern wabert und selbst in der
Nacht den Schweiß über die Haut treibt, stirbt Pol Pot.
Seiner
einzigen Tochter Sitha wird ihre Mutter am nächsten Morgen sagen, dass
die letzten Worte ihres Vaters nur ihr gegolten haben – dass er sich
wünschte, sie möge fleißig studieren und ein guter Mensch werden.
Die
ungewöhnlich schnelle Verbrennung seines Leichnams und die Ablehnung
der Roten Khmer, eine Autopsie vornehmen zu lassen, führen zu
Spekulationen über die Todesursache des nach Hitler und Stalin
berüchtigten Massenmörders des 20. Jahrhunderts.
1999 sickert langsam
durch, dass Pol Pot vermutlich an den Folgen einer Überdosis von
Medikamenten starb. Die Roten Khmer hatten zu diesem Zeitpunkt bereits
ihre Waffen abgeben. Einzig Ta Mok und der Leiter des berüchtigten
Folterzentrums Tuol Sleng, Kang Kek Leu alias „Duch", werden verhaftet.
Ta Mok weigert sich bis zuletzt, seine Waffen niederzulegen.
Ein
knappes Jahr später, am 6. März 1999 nimmt die kambodschanische Armee
den flüchtigen Ta Mok in der Nähe der Grenze zu Vietnam fest. 2002 wird
gegen ihn die Anklage wegen "Verbrechen an der Menschlichkeit" erhoben,
doch der Prozess zieht sich hin. Zu eng sind die Verbindungen der neuen
Regierung um Hun Sen zu den Roten Khmer, zu sehr versuchen die neuen
Machthaber, die Verwicklungen mit der alten Macht zu vertuschen. Ende
Juni 2006 schließlich liegt der Ta Mok schwer krank in einem Krankenhaus
und stirbt nach Angaben seines Anwalts am Morgen des 21. Juli 2006 nach
einem mehrtägigen Koma.
Die sinkende Sonne irrlichtert ein letztes
Mal durch die Zweige eines hohen Feigenbaumes und wirft ihre langen
Schattenfinger über den düsteren Ort. Obwohl die Hitze des Tages noch
immer von der Erde glüht, liegt kalter Schweiß auf meiner Haut. „Lasst
uns jetzt gehen..."
Unten im Tal, am künstlichen See, den Ta Mok vor
seinem Haus in Anlong Veng hat anlegen lassen, ragen kahle Bäume tot in
den heißen Tropenabend.
Weiße Nachtwolken ziehen auf. Schweigend
streifen sie über die Oberfläche des dunkel blühenden Wassers, als
wollten sie Vorhänge des Vergessens über eine schaurige Bühne ziehen.
